Erzählungen

Was hätte Dr. Freud getan?

Die Krokusse waren noch gar nicht ganz draußen, da lief Sadrie in der Feuchte des Morgens durch den Park. Über die vom Bustier freien Schultern hatte sie eine Mohairstrickjacke gelegt. An den Füßen hatte sie ein Nichts. Dazwischen war ein wadenlanger taftener Ballonrock auszumachen. Sadrie lief komplett in Schwarz herum, alle Teile waren zudem ganz puristisch. Die ganze Gestalt jedoch war zu nackig – für einen Frühlingsmorgen.

Als sie Jerome das Versprechen gegeben hatte, war sie 17. Es, so an und für sich, war nichts Besonderes gewesen. Eine ungeheure Tiefe des Versprechens kam aber dadurch zustande, dass SIE BEIDE es sich gegeben haben. Das war vor 28 Jahren. Zudem wurde gesagt: Wir werden uns immer lieben. Und aus DIESEM Grund, aus dem Grund, dass die Liebe so stark war nämlich – war es auch das Versprechen. Worum ging’s.

Sadrie, sie wollte die künstliche Intelligenz ergründen. Im Rahmen ihrer Studien im Bereich der Psychologie wollte sie das machen. Theodore Belt war der Renommierteste auf dem Gebiet. Er nahm Sadrie als seine Schülerin an. In St. Petersburg, wo er zum Zeitpunkt lehrte wie forschte.

Und Jerome entsagte ihr.

Sadries Füße waren ganz nass. Sie waren auch Eisklumpen. Sadrie knetete. Vorher setzte sie sich noch auf die außen gelegenen Stufen der Spinoza-Stiftung – in Athen.

Die Nacht zuvor ganz unerheblich. Sie – deshalb – soll hier auch nicht geschildert werden. Sadrie nun dachte an Jerome. Den sie einst verbannen hatte müssen aus ihren Fotoalben, dem Medaillon, den Aufweckroutinen. Anders war es nicht gegangen. Zu schwer, für sie beide viel zu schwer.

Sadrie bekam dennoch viel von ihm mit. Denn er tummelte sich weiter in ihrem früheren Freundeskreis, obwohl er die Personen gar nie leiden konnte, aber wie um es ihr einfach zu machen, ihn wiederzufinden, wenn sie soweit wäre, in Dänemark.

In St. Petersburg lernte Sadrie das Alter lieben. Sie wollte unbedingt graue Haare, als sie sie viel zu früh bekam, tünchte sie nicht etwa über, sie ließ alles ganz so – getränkt in Grau. Sie sammelte Fashion-Fotos mit alten Models. Waren selten.

Jerome war ihre erste Liebe. Auch ihre letzte, als sie nur nur endlich ihre Studien beendete in St. Petersburg, war er nicht mehr da.

Sie nahm das als Aussage. Wie alles, von Jerome gekommen, als Aussage immer zu deuten gewesen war.

Sie führte ein Leben, wie sie dachte, wie er es sich für sie vorgestellt hatte – Liebe. Sie führte es 13 Jahre lang!

Ruf Dr. Freud an, dachte sie immer dann, wenn das Leben ihr nicht gerade Geigen gab. Das, obwohl sie noch eine Nummer zu einem der alten Telefone Jeromes hatte.

Ja.

Sie dachte, das ist nicht wichtig. Sein Untertauchen – sie wertete das als Aussage.

Ruf Jerome an, dachte sie dann, auf den Stufen der Spinoza-Stiftung sitzend, ruf Jerome an ( tat es).

„Hier ist Jerome – bist du jetzt fertig?“

Es folgte noch ein Durchsagen der Koordinaten des Freundes, dann lief Sadrie los, noch immer bar jeden Schuhs oder Sockens. Waren die 15 Jahre des Studiums einfach zu lange gewesen, Zumutung, Sadrie glaubte dies nicht, es gab das Versprechen – wie auch diese Liebe. Vielleicht, er hatte es an einem Punkt nicht mehr ausgehalten, hatte sich, sich auf sich besinnend, zurückgezogen.

Es hätte neben dem Versprechen auch eine Verabredung geben sollen, dachte Sadrie. Dann wäre alles und so hatten sie nur das Versprechen, hatten es jetzt. Das andere … Auch die Krokusse waren jetzt erwacht.